Irgendwie am Ende. Dritter Teil zu David Foster Wallace
Mit dem dritten Teil meiner fortlaufenden Auseinandersetzung mit David Foster Wallace bringe ich ein Projekt an einen vorläufigen Punkt, der nicht zufällig den Titel Irgendwie am Ende trägt. Das Wort irgendwie ist klein, beinahe schäbig, und genau das macht es zu einem präzisen Werkzeug. Wallace, jener amerikanische Autor, der mit Infinite Jest und einer Reihe von Erzählungen und Essays in den neunziger und nuller Jahren das Gesicht der englischsprachigen Literatur veränderte, hatte selbst eine Schwäche für solche Wörter — für jene unscheinbaren Vokabeln, die einen ganzen Zustand des Bewusstseins tragen, ohne ihn benennen zu müssen. Mein dritter Anlauf nimmt diese Schwäche ernst. Ich frage nicht mehr, was Wallace gewollt habe; das hatten die ersten beiden Teile zu klären versucht. Diesmal frage ich, was übrig bleibt, wenn man Wallace zu lesen aufhört. Diese Frage ist keine biographische — der Tod des Autors im Jahr zweitausendacht ist nicht das Thema, oder genauer, er ist das Thema nur insofern, als er einen Lesevorgang in eine bestimmte zeitliche Form zwingt, in der jede Zeile als eine letzte gelesen werden kann. Mein Tonfall ist von einer leisen, geprüften Müdigkeit geprägt, die der Sache angemessen scheint. Wer Wallace lange gelesen hat, weiß, wovon hier die Rede ist; wer ihn nie gelesen hat, dem mag der Essay vielleicht trotzdem etwas anbieten, sofern er bereit ist, sich auf einen literarischen Erschöpfungszustand einzulassen, der über den einen Autor hinausreicht und der zu den prägenden Erfahrungen des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts gehört.
Die Erschöpfung der Ironie
Im Zentrum dieses Essays steht eine Bewegung, die ich die Erschöpfung der Ironie nenne. Wallace selbst hatte in seinem berühmten Aufsatz über Fernsehen und Fiktion die These aufgestellt, dass die postmoderne Ironie an eine Wand gefahren sei: Sie könne entlarven, aber nicht aufbauen, sie könne Distanz schaffen, aber keine Bindung. Was nach der Ironie komme, müsse ein neues Wagnis sein, eine neue Zumutung an den Leser, vielleicht eine Aufrichtigkeit, die ihre eigenen Risiken kennt. Ich zeige nun in einer geduldigen Lektüre, dass dieses Programm bei Wallace selbst nicht eingelöst wurde, sondern in einer eigentümlichen Schwebe blieb. Infinite Jest, Der bleiche König, die kürzeren Erzählungen — sie alle versuchen, eine post-ironische Stimme zu finden, und sie alle scheitern auf eine Weise, die mir produktiver erscheint als jeder reibungslose Erfolg. Das Scheitern ist nicht der Defekt des Werkes, sondern sein eigentliches Thema. Wallace schrieb Romane, die nicht aus der Ironie hinausführen wollten, sondern die in ihr ausharren mussten, weil die andere Seite nicht zugänglich war. Die berüchtigten Endlosfußnoten, die abgebrochenen Sätze, die Erzählinstanzen, die ineinander rutschen — sie zeichnen die Topographie eines Bewusstseins, das ans Ende gekommen ist, ohne den Schluss machen zu können. Genau hier setzt das irgendwie meines Titels an. Es ist das Adverb derjenigen, die nicht mehr aufhören und nicht mehr weitermachen können, und es trägt eine ganze Generation amerikanischer Leser auf seinen vier Silben. Wer es einmal gehört hat, hört es überall.
Was nach dem Ende kommt
Was ich am Ende anbiete, ist keine Auflösung, sondern ein Verbleib. Wallace zu lesen heißt, sich auf einen Leseakt einzulassen, der niemals abschließt — der Roman bleibt offen, der Autor ist nicht da, die Leserin findet sich allein wieder mit dem Buch, das ihr seine eigene Erschöpfung zumutet. Doch genau dieser Verbleib hat seinen Wert, und er steht in produktiver Verbindung mit den anderen Stimmen dieses Heftes. Lilla Balints Lesart von Péter Nádas’ Parallelgeschichten teilt mit mir das Vertrauen darauf, dass die Form eines Werkes mehr weiß als seine Aussagen. Bärbel Lückes psychoanalytische Hinwendung zu Frank Witzels apokalyptischer Glühbirne öffnet ähnliche Räume des Unausgesprochenen, in denen die Leserin die Arbeit der Bedeutung selbst übernehmen muss. Und Jakob Brüssermanns Lauschen auf den Ton bei Emanuel Maeß ist die feinere Schwester jener Aufmerksamkeit, mit der ich Wallace folge, dort, wo dessen Sprache stockt, sich windet, sich selbst überholt und wieder zurücktritt. Am Ende dieses Essays steht keine Schließung, sondern ein leiser Vorbehalt: Vielleicht ist mit Wallace das, was er versuchte, an ein Ende gekommen, und das müsse man als das nehmen, was es ist — kein Triumph, kein Scheitern, sondern jenes irgendwie, das zu den ehrlichsten Wörtern der literarischen Sprache gehört. Wer den Text aus der Hand legt, hat keinen Wallace-Ratgeber gewonnen, sondern eine Begleitung für das eigene Lesen, und das ist im besten Sinne mehr. Ob ein vierter Teil folgen wird, weiß ich nicht. Vielleicht hört man irgendwo wieder von dieser Beschäftigung, vielleicht auch nicht. Wallace hätte beides für möglich gehalten.