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Vorwort zur 4. Ausgabe

Vorwort zur 4. Ausgabe

Walnüsse, Mandeln und eine dicke Knoblauchzehe  : Dies sind nur drei Zutaten des Rezepts für Werner Söllner aus dem Hause Paulus und Lydia Böhmer. Als wir beschlossen, in einem Sonderheft der Zeitschrift Die Wiederholung Beiträge zum Werk des 1951 im rumänischen Horia geborenen Dichters zu versammeln, waren uns die nötigen Zutaten nicht gleich bewusst. Wir gingen zwar mit Erwartungen, aber gewiss nicht dogmatisch ans Werk. Wir durchforsteten drei Ordner bisher unveröffentlichten Materials des Autors, lasen die Kritiken zu Söllners Gedichten und die Debatten im Feuilleton über seine Verstrickungen mit der rumänischen Securitate in den 70  ern. Wir machten uns mit den wissenschaftlichen Werken über Werner Söllner und die ›rumänien-deutsche Literatur‹ vertraut, aber vor allem tauschten wir uns über unsere Lektüren seiner Gedichte aus.
Allmählich jedoch erlebte dieses editorische Vorhaben eine gewisse Evolution  : Ein den Formen und Interessen nach heterogenes Gebilde ist entstanden, je eigenwillige Auseinandersetzungen, die sich keinem Slogan, keinem Thema fügen wollen. Es wurde über das Werk Werner Söllners geschrieben, und es wurde fortgeschrieben, es wurde erinnert, kontextualisiert, komponiert, souffliert, adressiert, gewidmet. Flankiert sind diese Stimmen von der Stimme des Autors selbst, die in einem ausführlichen Interview zu Wort kommt, sich aber auch in bisher unveröffentlichten Texten äußert.
Einen Diskurs über das Werk Werner Söllners fortzusetzen oder neu zu stiften, sind die Essays des Bandes bemüht. Alexandru Bulucz beispielsweise präsentiert den Begriff »Knochenmusik« in einer Collage, die aus einem Strauß von Recherchen entstand und sowohl die zeitgenössischen wie auch die barocken Wurzeln des Dichterwortes vorführt. Ein solcher Ansatz will weniger Deutungen vorwegnehmen als vielmehr den Boden der Lektüren mit solchem Material anreichern, das in Vergessenheit zu geraten droht. Ingo Ebener untersucht das intertextuelle Gewebe, darin Werner Söllner in einem Dichtergespräch mit Paul Celan gehalten ist, während Paul-Henri Campbell einen Zugang vorschlägt, der jenseits der geschichtsphilosophischen Narrative der Nachkriegs- und Wendezeit liegt und Theoreme der postkolonialen und urbanen Poetologie aufnimmt. Sascha Andersons Überschneidung von Szene und Reflexion, ein match cut seiner Söllner- wie auch anderer Lektüren, ist vom Nicht-… getrieben, von der wesentlichen Lücke im Lesbaren, die aber immer geschichlich konkret, ja biographisch situativ und also sprunghaft verfasst ist.
Rezeption im 21. Jahrhundert bedeutet etwas anderes als in den Epochen davor. Auch die Idee von Tradierung, Weitergabe und Fortschreibung werkdynamischer Idiosynkrasien oder literaturgeschichtlicher Inzidenzen ist in einer Atmosphäre fundamentaler Verschiebungen eine andere geworden. Leonard Keidel verweist nachdrücklich in seinem Beitrag auf die beständig neue, beständig neuaufzunehmende Anstrengung der Lektüre, Auslegungsanstrengung, denn »eine Geschichte zu kennen, bedeutet nicht, dass das Wort, das ich lese, diese Geschichte erzählt. Und die Wiederkehr eines Wortes bedeutet nicht unbedingt die Wiederkehr seiner Bedeutung. Aus dieser philologischen Perspektive ist die Sprache eine ›stumme Braut‹«.
In diesem Band versammelt sind also Stimmen von Wegbegleitern — nahe und entfernte, neue und alte. Gleichwohl sind wir uns darüber bewusst, dass wir hier nur etwas fortgeführt, aber nicht beendet, nicht erfüllt haben. Wichtig schien uns, neben Veteranen der Söllner-Lektüre ein besonderes Augenmerk auf junge Stimmen wie Peter Neumann oder Lisa Goldschmidt zu geben.
Aus unserer editorischen Sicht, die sich über die misslichen Lagen und unglücklichen oder inkommensurablen Entscheidungen, die auch oder gerade ein Dichterleben begleiten, ohne Illusionen zu sein versucht, ging es vor allem um eine größtmögliche Vielfalt, ein Prisma der Leseweisen. Für nachgetragene Judikationen fehlte uns fristenden Kindern der Unschuld allerdings das Interesse. Stattdessen wünschen wir uns mit diesem Sonderheft einen ersten Impuls für eine wiederaufzunehmende Rezeption, für eine Relektüre Werner Söllners zu setzen. Wiederholung der Lektüre — nicht der Urteile, nicht der Bürgschaften, sondern ein Staunen ob des Geschriebenen, diesem Fremden und Nahen — und die Suche nach eigenen Worten dafür.
Als 2015 in Frankfurt am Main Werner Söllners Gedichtband Knochenmusik erschien, lagen zwanzig Jahre zurück, da er zuletzt seine Gedichte der Öffentlichkeit schenkte, ein Künstlerbuch mit dem Titel Zweite Natur. Mind the gap – die Chance also, einen großen Schritt aus dem Gang der Zeit zu tun und neu einzusetzen, nachzudenken, sich zu vertiefen in ein reiches Werk, das uns einen großen, reifen Bogen dichterischer Entwicklung vorführt.

Die Herausgeber
Alexandru Bulucz, Paul-Henri Campbell, Leonard Keidel
im Juli 2017