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Konzept

Konzept und Selbstverständnis der Zeitschrift

Die Zeitschrift pflegt die Literaturkritik als eine eigene Gattung – was diese ausmacht, ist ebenso geschichtlich bedingt, wie die Literatur selbst. Aufgabe ist also, in ihrer Übung und Pflege ihr das Heutige abzuverlangen und zu geben.

Eine Herausforderung der Literaturkritik liegt im ungesicherten Terrain, auf dem sie sich bewegt. Sofern sie sich der Gegenwartsliteratur widmet, kann sie sich auf keinen Kanon und keine Poetik verlassen, der Maßstab des Wertens und Urteilens ist nicht vorhanden. Sie muss ihn selbst finden und erfinden. Wo keine Poetik Kriterien setzt, ist die Versenkung ins Einzelne, die Erkundung der Qualitäten, die ein einzelnes literarisches Werk bildet, der einzig gangbare Weg – zur Verallgemeinerung. Die findet nicht in einer neuen Poetik ihr Ziel, sondern – und das ist die Beschränkung der Literaturkritik – ‚nur‘ eben darin: in der Aussprache der literarischen Qualität.

Literaturkritik als eine Gattung zu begreifen, behauptet, dass es sich um eine Aussageform handelt: Was sie behandelt, worüber sie spricht, ist abhängig davon, wie sie es tut, welche Form des Textes sie erlangt. Stil und Aussage sind darin nicht zu trennen, wie in der Literatur selbst. Es gibt keine vorgegebenen Kriterien, denen Literatur heute genügen muss, etwas über ihre Qualität auszusagen, sie zu beurteilen, ist also selbst ein schöpferischer Akt.

Wie sie mit Literatur sich überschneidet, so auch mit diskursiven Aussageformen, vor allem literaturwissenschaftlichen; denn da sie ‚über‘ Literatur etwas sagen will, muss sie sich verallgemeinerbarer Kategorien bedienen. Ebenso aber auch Kategorien anderer Diskurse, insofern Literatur schon ‚über‘ etwas aussagt.

Fußt Literaturkritik in diesen beiden Sphären, hat sie einen Balanceakt zu vollziehen: Indem sie aussagt über Literatur, sucht sie die Verallgemeinerung; sie muss jedoch vermeiden, diese schon vorher (vor dem Lesen oder vor dem eigenen Schreiben) kassiert zu haben, also ein Vorurteil zu haben. Dagegen steht die Erfahrung, beeindruckt worden zu sein. Sie ist der Wegweiser, der die literaturkritische Arbeit in Gang bringt.

Die Auswahl der hier behandelten Literatur soll in dieser Erfahrung gründen, sie gilt als Chance der Literaturkritik. Deswegen soll desweiteren der zeitl. Rahmen der ausgewählten Literatur das 21. Jahrhundert sein: Einerseits gibt es für die Literatur dieser Zeit noch keinen verlässlichen Kanon. Andererseits soll die Orientierung an saisonalen Novitäten vermieden werden, die nämlich zu Aussagen nötigt unabhängig davon, ob man beeindruckt ist oder nicht, und nach einer Absicherung suchen lässt, die nicht im Lesen gründet. Die Auswahl ist also radikal individuell begründet, in der Hoffnung auf Individuen, die am Allgemeinen interessiert sind.

Ebenso ist die Form begründet: Von den Beiträgern wird ein starkes Bewusstsein über ihre stilistischen Mittel gefordert; gefördert wird der stilistische Eigenwille der Autoren, dem eine bestimmte Auffassung von Sprache, Lesen, Mitteilung zugrunde liegt; der Stil soll nicht hinter den Gegenstand zurücktreten, unsichtbar werden. Das wird in stilistischer Vielfalt der Beiträge münden. Diese Vielfalt ist wiederum Ausdruck einer Suche, einer Untersuchung der formellen Möglichkeiten literaturkritischen Schreibens, die nicht als abschließbar zu verstehen ist.

Der literaturkritische Essay pflegt aber auch seine Verwandtschaft mit der Wissenschaft, indem er das Gelesene und das Lesen zu begreifen versucht, auf den Begriff bringt – als diskursive ist seine Sprache darauf angewiesen. Er nimmt sich das Vorschlagsrecht für wissenschaftliche Analyse. Er sieht das einzelne Werk in Kontexten (epochaler Art, der Gattung, des Genres etc.). Urteilen (=unterscheiden) findet darin bereits statt; die Befähigung dazu ist in der Kenntnis und Bildung des Verfassers begründet, mit seiner Persönlichkeit bürgt er für die Sinnhaftigkeit seines Versuchs.

Der Titel der Zeitschrift ‚Die Wiederholung‘ verwendet einen an literarischer und philosophischer Gestaltung und Reflexion reichen Begriff, an dem Zeit als problematischer Aspekt von Leben und Geschichte erfahrbar und denkbar wird.  Für die Literaturkritik sei damit eine Aufgabe wie eine Vorsicht gesetzt: im Sinne eines Am-Leben-Erhaltens der Werke durch eine intensive, tiefgehende, aufmerksame Betrachung; und im Sinne einer steten Reflexion über das in der Kritik hervorgebrachte und die Form dieser poietischen Archäologie. Im besten Fall ist diese Reflexion im literaturkritischen Text enthalten, jedoch sollen auch regelmäßig Essays über Literaturkritik deren Geschichte und derzeitige Praxis beleuchten.
Räumlich oder sprachlich sei der Literatur, die hier zum Thema wird, keine Grenze gesetzt. Deswegen ist es auch geboten literaturkritische Texte aus anderen Sprachen für den deutschen Leser zu übersetzen, und/oder Beiträger aus anderen Ländern und Sprachen für die Zeitschrift zu finden.

Außerdem müssen die in der Zeitschrift aufgenommenen Essays keine Erstveröffentlichungen sein (auch wenn darauf der Schwerpunkt liegt). Gerade angesichts der derzeit sich abzeichnenden Erfahrung, dass Texte, die online (bes. in Blogs) veröffentlicht wurden, schnell in Vergessenheit geraten, sollten auch hochwertige literaturkritische Essays, die in einem digitalen Archiv schlummern, im Druck ‚wiederholt‘, einer konzentrierten Lektüre und langfristigen Aufmerksamkeit dargeboten werden.

Leonard Keidel
01.10.15